Cannes – 14. Mai 2026 – Bilder und Impressionen
79e Festival international du film – 79. Internationale Filmfestspiele








Text/Foto/Video: Pressemeier
Zwischen Glamour und Geschichte: Die Reise der Filmfestspiele von Cannes
Cannes. Wenn die Frühlingssonne die Côte d’Azur in ein goldenes Licht taucht und der rote Teppich auf den Stufen des Palais des Festivals ausgerollt wird, blickt die ganze Welt auf ein kleines Städtchen an der französischen Riviera. Die Internationalen Filmfestspiele von Cannes sind heute das bedeutendste Filmfestival der Welt – ein Schmelztiegel aus Arthouse-Kino, Hollywood-Glanz und knallhartem Business. Doch der Weg dorthin war geprägt von politischem Widerstand, visionärem Geist und so manchem Skandal.
Die Geburtsstunde aus dem Geist des Widerstands
Die Geschichte von Cannes beginnt paradoxerweise mit einem Akt des Protests. Ende der 1930er Jahre war die „Mostra“ in Venedig das einzige große Filmfestival weltweit. Doch unter dem Einfluss von Mussolini und Hitler geriet die Preisverleihung 1938 zur Farce: Die Jury wurde gezwungen, den nationalsozialistischen Propagandafilm Olympia von Leni Riefenstahl auszuzeichnen.
Empört über diese politische Instrumentalisierung der Kunst beschlossen der französische Beamte Philippe Erlanger und der Bildungsminister Jean Zay, ein Gegenfestival zu gründen – ein Festival in einem freien Land, das den Film ohne ideologische Ketten feiern sollte. Als Austragungsort setzte sich Cannes gegen Biarritz durch, nicht zuletzt wegen seiner luxuriösen Hotelkapazitäten und der traumhaften Lage.
Der Startschuss sollte am 1. September 1939 fallen. Doch die Geschichte hatte andere Pläne. Am Tag der Eröffnung marschierten deutsche Truppen in Polen ein; der Zweite Weltkrieg begann. Das Festival wurde nach nur einer privaten Vorführung von William Friedkins Der Glöckner von Notre-Dame abgebrochen.
Der mühsame Aufstieg in der Nachkriegszeit
Erst im Jahr 1946, nach dem Ende des Schreckens, konnten die Festspiele offiziell wiederbelebt werden. In den ersten Jahren kämpfte das Event noch mit massiven Budgetproblemen und organisatorischen Mängeln. Einmal riss sogar das Dach des provisorischen Kinos bei einem Sturm weg. Doch der Charme der Croisette zog schnell die Stars an.
In den 1950er Jahren wandelte sich Cannes zum Inbegriff des Glamours. Es war die Ära von Brigitte Bardot, Grace Kelly und Sophia Loren. Cannes war nun nicht mehr nur ein Treffpunkt für Cineasten, sondern ein mediales Spektakel. 1955 wurde zudem die Palme d’Or (die Goldene Palme) als Hauptpreis eingeführt – heute die wohl begehrteste Trophäe der Filmwelt. Der erste Film, der diese Ehre erhielt, war Marty von Delbert Mann.
1968: Das Jahr, in dem das Kino stillstand
Cannes war nie nur eine Blase des Wohlstands; es spiegelte stets die gesellschaftlichen Verwerfungen wider. Den wohl dramatischsten Einschnitt erlebte das Festival im Mai 1968. Während in Paris die Studentenunruhen tobten, solidarisierten sich Regisseure wie François Truffaut und Jean-Luc Godard mit den Protestierenden.
In einer legendären Aktion hängten sie sich an die Vorhänge der Leinwand, um die Projektionen zu verhindern. Sie forderten den Abbruch des Festivals aus Respekt vor den Generalstreiks im Land. Das Festival wurde tatsächlich vorzeitig beendet, ohne dass Preise verliehen wurden. Dieser Moment markierte die Geburtsstunde der „Quinzaine des Réalisateurs“ (Zwei Wochen der Regisseure), einer unabhängigen Sektion, die bis heute für radikales, innovatives Kino steht.
Cannes heute: Ein globaler Marktplatz der Träume
In den folgenden Jahrzehnten professionalisierte sich das Festival unter der Leitung von Persönlichkeiten wie Gilles Jacob. Der 1983 eingeweihte neue Palais des Festivals – von Einheimischen wegen seiner klobigen Architektur oft „Bunker“ genannt – bot den nötigen Raum für das stetig wachsende Event.
Heute ist Cannes weit mehr als nur ein roter Teppich:
- Der Marché du Film: Parallel zum Wettbewerb findet der weltweit größte Filmmarkt statt. Hier werden jährlich Tausende von Filmen gekauft, verkauft und finanziert.
- Die Entdeckung des Weltkinos: Cannes hat maßgeblich dazu beigetragen, das asiatische, afrikanische und lateinamerikanische Kino im Westen bekannt zu machen. Regisseure wie Akira Kurosawa oder Bong Joon-ho (mit dem Oscar-Gewinner Parasite) feierten hier ihre größten Triumphe.
- Die Kontroversen: Ob das Verbot von Selfies auf dem roten Teppich, die Debatte um Netflix-Produktionen im Wettbewerb oder die Forderung nach mehr Regisseurinnen – Cannes bleibt ein Ort der leidenschaftlichen Diskussion.
Fazit: Die ewige Flamme der Leinwand
Über 80 Jahre nach seiner ersten (verhinderten) Ausgabe steht Cannes für einen einzigartigen Spagat: Es schützt das klassische Kinoerlebnis auf der großen Leinwand gegen den Siegeszug der Streaming-Dienste, während es gleichzeitig die Stars der Popkultur feiert.
Wenn heute die Fanfaren von Camille Saint-Saëns’ Aquarium erklingen und das Logo mit der goldenen Palme auf der Leinwand erscheint, wird klar: Cannes ist nicht nur ein Festival. Es ist das schlagende Herz einer Kunstform, die totgesagt wurde und sich doch jedes Jahr im Mai an der Côte d’Azur neu erfindet. Das Versprechen von 1939 – die Freiheit der Kunst – wird hier auch im 21. Jahrhundert mit jedem Flashlight und jedem Applaus verteidigt.







