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Freitag, Juni 12, 2026
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NRW und Hessen – eine Nachbarschaft, die mehr wäre als eine Grenze

270 Kilometer Landesgrenze verbinden Nordrhein-Westfalen und Hessen miteinander

Das ist mehr als die Strecke von Köln nach Hamburg, gemessen in einer geraden Linie. Und doch taucht das Wort „Nachbarschaft“ im Zusammenhang dieser beiden Bundesländer selten auf.

Wer über deutsche Länderbeziehungen spricht, denkt an Bayern und Baden-Württemberg, an Berlin und Brandenburg. NRW und Hessen dagegen werden oft als getrennte Welten behandelt – Industriewest gegen Finanzost, Ruhrgebiet gegen Rhein-Main. Das wird der Lage nicht gerecht.

Zwei Schwergewichte, die sich wenig ansehen

NRW ist mit rund 22 Prozent Anteil am deutschen Bruttoinlandsprodukt das wirtschaftsstärkste Bundesland des Landes. Hessen liegt mit gut 8,4 Prozent (2022) auf Platz fünf der Länderwirtschaften – und das bei weniger als der Hälfte der Bevölkerung von NRW.

Zusammen stellen die beiden Länder knapp ein Drittel der deutschen Wirtschaftsleistung. Kein anderes Länderpaar in Deutschland kommt auch nur annähernd an diesen Wert heran, dennoch liest man in den NRW-News zu wenig darüber.

Frankfurt und das Rhein-Ruhr-Gebiet – Rivalen oder Ergänzung?

Frankfurt ist als europäisches Finanzzentrum bekannt: Sitz der Europäischen Zentralbank, der Deutschen Bank, der Commerzbank und der Deutschen Börse. Der Frankfurter Flughafen ist der sechstgrößte Flughafen Europas und liegt im weltweiten Passagierranking auf Rang 16. Und DE-CIX, der Frankfurter Internetknoten, ist der größte seiner Art auf der Welt.

Das Rhein-Ruhr-Gebiet dagegen ist mit rund zehn Millionen Einwohnern einer der 30 größten Ballungsräume weltweit, beheimatet die wichtigsten deutschen Messeplätze in Düsseldorf, Köln, Essen und Dortmund und erzielte 2024 einen Industrieumsatz von rund 385 Milliarden Euro.

Auf den ersten Blick konkurrieren beide Räume um denselben Platz im europäischen Wirtschaftsgefüge. Auf den zweiten ergibt sich ein anderes Bild: Was Frankfurt an Finanzinfrastruktur bietet, braucht das Ruhrgebiet als Industriestandort – und umgekehrt.

Güterströme aus NRW laufen über den Frankfurter Flughafen, Kapital aus dem Rhein-Main-Raum fließt in Standorte entlang des Rheins. Diese Verflechtungen sind real, werden aber von der Politik selten als gemeinsames Thema adressiert.

Die Grenzregion, die kaum einer kennt

Während der öffentliche Blick auf Frankfurt und Düsseldorf hängt, liegt zwischen beiden Metropolen ein Landstrich, der politisch oft vergessen wird: das Sauerland und das Siegerland auf NRW-Seite, Waldeck-Frankenberg und der Lahn-Dill-Kreis auf hessischer Seite.

Der Kreis Siegen-Wittgenstein grenzt direkt an drei hessische Landkreise. Historisch war die Region nie sauber in zwei Lager geteilt – das Wittgensteiner Land etwa gehörte vor 1815 zum Großherzogtum Hessen-Darmstadt, ehe es an Preußen fiel.

Eine Wanderung als politisches Signal

Im Juli 2023 machten Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst und Hessens Ministerpräsident Boris Rhein die Grenzregion zum Thema. Sie wanderten gemeinsam sechs Kilometer durch das Naturschutzgebiet Niedersfelder Hochheide – vom nordhessischen Willingen ins südwestfälische Winterberg.

Auch kündigten sie eine stärkere Zusammenarbeit beider Länder an. Die Symbolik war bewusst gewählt. Willingen liegt im Landkreis Waldeck-Frankenberg in Nordhessen, Winterberg gehört zum Hochsauerlandkreis in NRW. Die Grenze verläuft mitten durch ein Wintersportgebiet, das Touristen aus beiden Richtungen zieht.

Noch im selben Sommer eröffnete ebenfalls in Willingen der Skywalk – mit 665 Metern Länge und 100 Metern Höhe die längste Fußgängerhängebrücke Deutschlands und die drittlängste der Welt. Das Bauwerk steht in Hessen, zieht aber Besucher aus NRW ebenso an wie aus ganz Deutschland. Allein im Sommer 2023 überquerten über 100.000 Menschen die Brücke. Bessere Werbung für grenzüberschreitenden Tourismus hätte man kaum erfinden können.

Was die Zusammenarbeit bisher hemmt

Die politische Zusammenarbeit zwischen NRW und Hessen ist trotz alledem dünn. Formelle Vereinbarungen, gemeinsame Institutionen oder koordinierte Wirtschaftsstrategien existieren kaum. Beide Länder denken Planung vor allem nach innen.

Die Pendlerbeziehungen zwischen dem südlichen NRW und dem nördlichen Hessen – etwa zwischen dem Märkischen Sauerland und Kassel – tauchen in keinem gemeinsamen Verkehrskonzept auf. Dabei wären abgestimmte Bahnverbindungen, gemeinsame Tourismusrouten oder eine koordinierte Strukturpolitik für die dünn besiedelten Grenzregionen naheliegend.

Gleiche Probleme, getrennte Lösungen

Beide Länder kämpfen mit ähnlichen Herausforderungen: Fachkräftemangel, Digitalisierung der Verwaltung, Transformation der Industrie. Hessen hat mit seiner Fach- und Arbeitskräfteinitiative ein regionales Modell entwickelt, das auf Vernetzung von Wirtschaft, Wissenschaft und Kommunen setzt.

NRW denkt seine Strukturpolitik in anderen Formaten. Dabei gäbe es gute Gründe, Erfahrungen auszutauschen – zumal sich die Grenzregionen auf beiden Seiten in ähnlichen Strukturschwächesituationen befinden.

NRW und Hessen – Potenzial im Fazit

NRW und Hessen sind zwei der wirtschaftlich stärksten Bundesländer Deutschlands – und reden zu selten miteinander. Die Wanderung von Wüst und Rhein im Sommer 2023 war ein Anfang, kein Ergebnis. Beide Länder teilen Grenze, Geschichte und strukturelle Herausforderungen.

Wer in Deutschland über Standortpolitik, Verkehr und Transformation redet, sollte die Achse Rhein-Ruhr–Rhein-Main nicht länger als Wettbewerb denken – sondern als Potenzial, das bisher kaum genutzt wird.

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