Bergamo und die schönsten Dörfer der Lombardei
Vergesst Paris. Die romantischste Stadt Europas ist Bergamo. Viele kennen sie nicht, weil sie im Schatten der großen Nachbarin Mailand steht. 2023 war Bergamo sogar Kulturhauptstadt Europas.

Im Mittelalter stand Bergamo zunächst unter bischöflicher Herrschaft. Das änderte sich im 11. Jahrhundert als wohlhabende Familien die Herrschaft übernahmen. Gleichzeitig gehörte Norditalien damals aber auch noch zum Kaiserreich, so dass es in den Städten eine sogenannten Podesta gab, der kaiserliche Interessen vertrat, was im Wesentlichen aus Eintreiben von Steuern bestand. Unter Friedrich Barbarossa kam es dann zum Krieg gegen die oberitalienischen Städte und zur Gründung des Lombardischen Bunds. Im 15. Jahrhundert begann dann die kulturelle Blütezeit Bergamos, nicht zuletzt auch, weil durch die Vertreibung der Araber aus Spanien neue Handelswege frei wurden, von denen vor allem italienische Kaufleute und deren Städte profitierten.


Bergamo ist in eine Ober- und eine Unterstadt aufgeteilt. In die Oberstadt gelangt man entweder mit dem Auto oder aber mit der Bergbahn. Das Erlebnis sollte man sich nicht entgehen lassen, zumal es auch deutlich günstiger ist als in Heidelberg. Man betritt die Oberstadt durch eines der vier noch erhaltenen historischen Stadttore. Die historische Oberstadt ist die Altstadt. Sie wird von einer Stadtmauer aus venezianischer Zeit umringt, die man begehen kann. Man findet überall in der Altstadt das venezianische Wappen, das auf die Zugehörigkeit zur Republik Venedig vom 15. bis in das späte 18. Jahrhundert verweist. Kern der Altstadt ist die Piazza Vecchia. Dort befindet sich der Palast des Podesta. Daneben ist das alte Rathaus, der Palazzo della Ragione. Unter den Arkaden dieses Gebäudes spielen im Sommer oft Straßenmusikanten. Vom Torre Civica hat man eine tolle Aussicht auf die Stadt. Der Platz ist umsäumt mit historischen Gebäuden und in seiner Mitte ist der prachtvolle Contarini Brunnen. Es ist natürlich Pflichtprogramm, dort einen Aperol Spritz zu trinken oder ein Eis zu essen. In Italien wird zum Cocktail immer Finger Food gereicht: Oliven, Gebäckringe, Chips oder Crostini und Bruschette.


Hinter der Piazza Vecchia befindet sich der Domplatz. Die Kathedrale Santa Maria Maggiore wurde im 12. Jahrhundert erbaut und sollte die Mutter Gottes während einer Hungersnot gnädig stimmen. Die Kathedrale ist von außen relativ schlicht gehalten, biete aber im inneren bedeutende Kunstschätze wie Fresken und Gobelins. Neben dem Dom ist die von außen deutlich prächtigere Colleoni Kapelle, die vor allem mit ihrer imposanten Marmorfront beeindruckt. Gegenüber der Kathedrale befindet sich das Baptisterium, also eine Taufkapelle. Etwas verwirrend ist, dass es neben der Kathedrale auch noch einen Dom gibt. Die Kathedrale Santa Maria Maggiore wurde nämlich nicht vom Bistum gebaut und betrieben, sondern von einer dominikanischen Bruderschaft. Der offizielle Dom ist die Cattedrale di San Alessandro aus dem 15. Jahrhundert. Der heutige Bau stammt im Wesentlichen aus dem 19. Jahrhundert und ist wenig bemerkenswert.

Die Unterstadt von Bergamo stammt in großen Teilen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sie ist eine elegante Stadt mit zahlreichen wertigen Geschäften jenseits der großen Ketten. Auch gastronomisch kann man sich hier in Restaurants, Bars und Cafes verwöhnen lassen. Das beste Eis gibt es in der Gelateria La Romana dal 1947 in der Viale Giulio Cesare 16.


In der Innenstadt befindet sich auch die Academia Carrara. Das Museum verfügt über eine ständige Ausstellung von der Renaissance bis in die Neuzeit und führt regelmäßig Sonderausstellungen durch. Doch auch das Gebäude an sich ist bemerkenswert. Von außen sieht es aus wie ein wenig auffälliges neo-klassizistisches Gebäude aus dem 19. Jahrhundert wird. Im inneren überrascht und beeindruckt es dann. Das Museum ist alles andere als verstaubt. Vielmehr präsentiert es sich als ein perfekt inszeniertes Gesamtkunstwerk. Trotz der traditionellen Gestaltung des Äußeren bricht es radikal mit der erdrückenden Schwere alter Galerien. Statt steriler Wände glänzen die 16 Säle in tiefen, matten Tönen – von Anthrazit über Blau bis hin zu warmen Erdfarben. Die Renaissance-Meisterwerke von Raffael, Botticelli oder Moroni leuchten regelrecht aus der Dunkelheit heraus. Es gibt keine störenden Reflexionen oder Blendeffekte auf den Ölgemälden. Jedes Bild wirkt dadurch lebendig, nahbar und intim. Die Abfolge der Säle fühlt sich nicht wie ein starrer Rundgang an, sondern Tanz durch die Epochen. Man schaut durch offene Sichtachsen von einem Meisterwerk zum nächsten, während schwebende, fast unsichtbare Glasvitrinen kostbare Schätze wie die filigranen Visconti-Sforza-Tarotkarten behüten. Hier drängeln sich keine Massen; man teilt den Raum ganz in Ruhe mit der Kunst. Ein absolutes Highlight bei der Neugestaltung des Museums ist das Nebentreppenhaus. Hier trifft historische Kunst auf moderne, explosive Farbgewalt. Die spektakulären Blumenmuster stammen von dem international renommierten kalifornischen Künstler-Duo „Fallen Fruit“ (David Allen Burns und Austin Young).

In unmittelbarer Nähe der Academia Carrara findet man das Borgo Santa Catarina. Hier wird es dann romantisch. Santa Catarina ist wie ein Dorf in der Stadt. Tatsächlich war es auch lange ein Dorf außerhalb der Stadtmauern, weshalb es heute auch oft zu den schönsten Dörfern Italiens gezählt wird. Das Viertel hat seinen ursprünglichen Charme behalten. Die Hauptstraße Via Borgo Santa Caterina wird von wunderschönen, mehrstöckigen Palazzi in warmen Pastelltönen, mit schmiedeeisernen Balkonen und charmanten Innenhöfen gesäumt. Hier finden sich Restaurants, Cafes, Bars und Trattorien- garantiert ohne Touristen-Nepp. Insbesondere ist die Gegend auch bekannt für ihre Boutiquen, Kunsthandwerksgeschäfte und Läden mit regionalen Spezialitäten.

Von Bergamo aus kann man dann noch einige der schönsten Dörfer der Lombardei besuchen. Clusone trägt aufgrund seines reichhaltigen kulturellen Erbes auch die Bezeichnung Citta dell’Arte. Das Wahrzeichen Clusones findet man am Palazzo della Ragione. Die astronomische Uhr aus dem Jahr 1583 läuft bis heute mechanisch mit ihrem Originalwerk. Sie zeigt nicht nur die Zeit, sondern auch die Mondphasen, die Sonnenzeichen und die Sternbilder an. Am Oratorium dei Disciplini befindet sich ein makabres Relief, das einen Totentanz darstellt. Allein das ist schon einen Besuch wert. Der Palazzo Marinoni Barca schließlich beherbergt ein Museum zu lokaler Kunstgeschichte.
Der Ort Cornello dei Tasso ist nur zu Fuß zu erreichen. Doch keine Sorge, man braucht dafür keine besondere Kondition. Es geht nur einige hundert Meter einen Berg hinauf. Im Mittelalter war der Ort ein wichtiger Handelsplatz, in dem die Familie Tasso das moderne Postwesen erfand. Das hat es jetzt vielleicht bei dem ein oder anderen klick gemacht, denn das Postwesen wurde doch von der Familie Thurn und Taxis erfunden? Das ist vollkommen korrekt. Man passte den Namen einfach an Deutschland an, nachdem man dort ansässig geworden war. Als die Republik Venedig jedoch eine neue Straße baute, die den Ort umging, verlor er an Bedeutung. Der erstaunlich gut erhaltene mittelalterliche Ort zeigt durch seine Struktur auch die mittelalterliche Gesellschaft: unten sind die Arkaden, in denen die Händler ihre Waren anboten, dann kommen eine Ebene darüber die Wohnsitze des Bürgertums, noch höher der Adel und über allem thront die Kirche.



In der Region bietet sich Albergo Moderno als Unterkunft an. Das familiengeführte Hotel liegt auf etwa 1100 Metern Höhe im Dorf Fuipiano. Auf manchen Bewertungsplattformen werden die Zimmer als einfach beschrieben. Das Hotel ist mittlerweile renoviert worden und bietet Zimmer auf dem Niveau eines Boutique Hotels. Im hoteleigenen Spa kann mit im Whirlpool das Panorama des Valle Imagna genießen. Das Herzstück des Hotels ist jedoch das Restaurant. Der Fokus liegt auf der traditionellen Küche der Region Bergamo. Alle Gerichte, einschließlich Pasta und Brot, werden frisch hausgemacht. Es gibt eine überschaubare, täglich wechselnde Auswahl an Speisen, die sich nach saisonalen und lokalen Zutaten richtet, z.B. handgemachten Nudeln (Casoncelli), die regionalen Käse- und Aufschnittplatten oder die breite Auswahl an lokalen Weinen (Valcalepio) und Bieren. Das Antico Borgo di Arnosto ist eine winzige, historische Siedlung oberhalb von Fuipiano Valle Imagna (ca. 5 Minuten zu Fuß vom Hotel). Auf 1.033 Metern Höhe gelegen, gilt es als das bedeutendste und am besten erhaltene Beispiel traditioneller ländlicher Bergarchitektur. Arnosto diente Venedig als wichtigster militärischer Außenposten im Tal. Im nördlichen Teil des Dorfes saß die venezianische Zollstation (Dogana Veneta) samt Steuereintreiber und Gefängnis. Aus dieser Zeit stammen wertvolle Fresken an den Hauswänden. Mit dem Einmarsch Napoleons und dem Ende der Republik Venedig im Jahr 1797 verlor der Ort seine strategische Funktion und die Zeit blieb architektonisch stehen. Da der Ort heute noch bewohnt ist, sollte man im unteren Teil die Privatsphäre der Bewohner berücksichtigen. Im oberen Teil sind die Gemeindeverwaltung, ein Museum über das Leben im Imagna Tal und eine sehr kleine Kirche.











