StartReisenPressemeiers ReisetippsZwischen Nachtzug und Sirenen: Ein Reisebericht aus Kyiv

Zwischen Nachtzug und Sirenen: Ein Reisebericht aus Kyiv

Die Reise in ein Land im Krieg beginnt mit einer spürbaren Entschleunigung. Da der ukrainische Luftraum geschlossen ist, führt der Weg zunächst mit dem Flugzeug nach Warschau. Vom dortigen Hauptbahnhof rollt am Abend der legendäre „Kyiv Express“ ein. Das Abteil im Schlafwagen ist eng und funktional, da drei Betten übereinander an der Wand montiert sind. Man arrangiert sich schnell mit den Mitreisenden, klettert auf seine Ebene und lauscht dem rhythmischen Klackern der Schienen. Doch die Nacht wird jäh unterbrochen. Der Grenzübertritt zieht sich über Stunden hin und erweist sich als eine Prozedur von quälender Gründlichkeit. Sowohl die ukrainischen als auch die polnischen Beamten kontrollieren jedes Dokument und jede Tasche. Auf der Rückfahrt wird die ohnehin angespannte Atmosphäre durch einen Zwischenfall verschärft, als der polnische Grenzschutz eine Mitreisende aus dem Waggon abführt. Gründe werden nicht genannt. Es bleibt ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, eine eindringliche Erinnerung daran, wie scharf die Trennlinie zwischen der Europäischen Union und einer Kriegszone bewacht wird. Nach insgesamt etwa 15 Stunden Fahrt erreicht der Zug schließlich den monumentalen Hauptbahnhof von Kyiv. Da Russland mittlerweile allerdings ganz gezielt Personenzüge angreift, hat die Bahn meist erhebliche Verspätung.

Kunst gegen Krieg

Wer Kyiv zum ersten Mal betritt, wird überrascht sein, vor allem wenn man noch von alten Osteuropa-Klischeees geprägt ist. Der erste Eindruck ist der einer modernen, pulsierenden und zutiefst lebendigen Großstadt mit eleganten Cafés, Jugendlichen mit Smartphones und dichtem Verkehr auf den Boulevards. Doch die Normalität ist eine fragile Fassade. Schon wenige Straßenzüge weiter reißt die Realität Löcher in das Bild. Ausgebombte Gebäude, geschwärzte Fassaden und vernagelte Fenster stehen stumm zwischen unversehrten Häusern. Die Schäden sind nicht flächendeckend, was das Gefühl einer absurden Parallelwelt verstärkt. Man fühlt sich fast normal, bis der nächste Luftalarm durch die Straßenschluchten gellt. Mittlerweile ist der Alarm zu einem Dauerzustand geworden. Er bestimmt den Rhythmus von Arbeit, Schlaf und Alltag. Den Menschen sieht man die Belastung an; sie sind zutiefst gestresst und müde von den jahrelangen, schlaflosen Nächten. Wie begründet diese Müdigkeit ist, zeigt sich in der allerersten Nacht. Das dumpfe Grollen der Flugabwehr reißt mich aus dem Schlaf, kurz darauf schlagen drei Drohnen in der Nähe ein. Obwohl die Sprengsätze dieser Kamikaze-Drohnen im Vergleich zu Marschflugkörpern relativ klein sind, ist ihre Wirkung verheerend. Man spürt die Druckwelle über einige hundert Meter im eigenen Körper vibrieren. Das größte Risiko in diesem Moment ist das berstende Glas, denn die Fenster der umliegenden Häuser zerspringen in tausend messerscharfe Splitter, was immer wieder zu schweren Verletzungen und Todesfällen führt.

Universität
Skulpturenpark in Kyiv
Goldenes Tor Kyiv

Das politische Epizentrum der Stadt ist der Maidan Nesaleschnosti, der Platz der Unabhängigkeit. Seine Geschichte ist untrennbar mit dem Freiheitskampf der modernen Ukraine verbunden. Hier fand 2004 die Orangene Revolution statt, und hier spielten sich im Winter 2013/2014 die blutigen Ereignisse der Euromaidan-Revolution ab, bei der die Ukrainer sich endgültig für einen europäischen Weg und gegen die russische Vorherrschaft entschieden. Beim Begehen des Platzes und der angrenzenden Straßen zieht sich das Herz zusammen. Überall erstrecken sich unzählige Mahnmale für die getöteten Soldaten. Tausende kleine ukrainische Flaggen stecken im Rasen, und jede einzelne steht für ein ausgelöschtes Leben. Auf den Fotos sieht man die Gesichter der Gefallenen, und viele von ihnen sind erschreckend jung, kaum den Kinderschuhen entwachsen. Es ist ein zutiefst bewegender, schwerer Anblick, der die unvorstellbaren Opfer dieses Krieges greifbar macht.

Maidan
Ermordete Soldatin
Mahnmal für gefallene Soldaten

Trotz der ständigen Bedrohung zeigt Kyiv stolz seine historischen Schätze. Die wesentlichen Sehenswürdigkeiten zeugen von einer jahrhundertealten Geschichte. Dazu gehört die Sophienkathedrale, ein Meisterwerk aus dem 11. Jahrhundert mit prächtigen Mosaiken und goldenen Kuppeln. Ebenso beeindruckend ist das Kiewer Höhlenkloster, ein riesiger, geschichtsträchtiger Komplex am Ufer des Dnipro mit unterirdischen Höhlensystemen, sowie das himmelblaue St.-Michaels-Kloster, das während des Euromaidan als Zufluchtsort und Lazarett diente. Auffällig ist, dass Kulturgüter und Kultureinrichtungen besonders geschützt werden. Denkmäler sind komplett in Sandsäcke gehüllt, Museumsbestände wurden evakuiert oder tief unter der Erde gelagert. Dieser Aufwand hat einen ernsten Hintergrund, denn Russland führt nicht nur einen territorialen Krieg, sondern einen gezielten Krieg gegen die ukrainische Identität. Dieser Versuch, die ukrainische Kultur auszulöschen, hat jedoch das exakte Gegenteil bewirkt. Heute gibt es in der Ukraine kaum noch Unterstützer Russlands. Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist enorm. Selbst russischstämmige Bürger identifizieren sich heute stolz als Ukrainer, auch wenn sie im Alltag weiterhin Russisch sprechen. Die Sprache ist kein politisches Bekenntnis mehr; die Loyalität gilt unmissverständlich der Ukraine.

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Sophienkathedrale
Sophienkathedrale
St. Andreas Kirche

Abseits der barocken Kirchen besitzt Kyiv eine ganz andere, faszinierende architektonische Facette in Form von Gebäuden des sowjetischen Modernismus aus den 1960er bis 1980er Jahren. Diese oft futuristischen Betonbauten wirken heute wie Skulpturen einer untergegangenen Epoche. Zu den bekanntesten Beispielen gehören das Ukrainische Haus am Europäischen Platz und das berühmte Gebäude der fliegenden Untertasse beim Institut für wissenschaftlich-technische Information, das wie ein gelandetes UFO über der Straße schwebt. Auch monumentale Wohnkomplexe und Hotelbauten wie das Hotel Saljut beeindrucken mit ihren kühnen, runden Formen und rohen Betonstrukturen.

Hotel Salju
Ukrainisches Haus
Fliegende Untertasse
Freiheitsbogen

Wenn der Stress des Tages und die Anspannung der Sirenen zu groß werden, bieten die Restaurants der Stadt einen Moment der Zuflucht. Besonders populär in Kyiv sind georgische Restaurants. Sie strahlen eine tiefe, rustikale Gemütlichkeit aus, wobei dunkles Holz, warmes Licht und eine herzliche Gastfreundschaft die Sorgen vor der Tür vergessen lassen. Ein typisches Essen hier ist eine Feier der Sinne. Man genießt Chatschapuri, ein frisch gebackenes, schiffsförmiges Hefebrot, das mit geschmolzenem Käse, Butter und einem rohen Eigelb gefüllt ist, welches direkt am Tisch untergerührt wird. Dazu gesellen sich Chinkali, große, kunstvoll gefaltete Teigtaschen mit einer Füllung aus gewürztem Hackfleisch und einer heißen, kräftigen Brühe, die man zuerst vorsichtig aussaugt, bevor man den Teig isst. Zusammen mit schwerem, exzellentem georgischem Rotwein oder einem spritzigen Adscharuli-Bier entstehen Stunden der Geselligkeit. In diesen Momenten klammern sich die Menschen an das Leben und beweisen eine Resilienz, die den bleibenden Eindruck dieser Reise ausmacht.

Georgisches Fladenbrot
Cafe in Kyiv

Eine solche Reise ist nicht nur beschwerlich. Sie ist auch belastend. Man sieht furchtbare Dinge, von denen früher die Großeltern erzählt haben. Mitten in Europa. Man gewinnt Freunde und muss diese dann zurück lassen. Das macht ein schlechtes Gewissen. Man lernt Menschen kennen, die Freunde oder Verwandte verloren haben. Man trifft Veteranen, Kriegsversehrte. Soldaten, die auch für unsere Freiheit kämpfen und die von ihrer eigenen Regierung nicht ausreichend versorgt werden können. Und dennoch kämpfen sie alle. Sehr seltsam ist auch das Parallele von vollkommener Normalität und extremer Gefahr und Anspannung.

Man sieht im Internet immer wieder Videos, in denen Polizei und Militär Männer kontrollieren und abführen. Grundsätzlich ist das auch so. man sollte den Pass immer dabei haben. Aber es handelt sich hier nicht um willkürliche Festnahmen oder Verschleppungen. Vielmehr wird kontrolliert, ob eine Person vom Wehrdienst befreit ist oder nicht. Ist dies nicht der Fall und die Person ist der Einberufung nicht nachgekommen, wird man in Gewahrsam genommen.

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