StartReisenDie gefährlichste Bahnfahrt der Welt

Die gefährlichste Bahnfahrt der Welt

Wer heute in die Ukraine reist, lässt die gewohnte europäische Reiseinfrastruktur schneller hinter sich, als ihm lieb ist. Mein Weg nach Dnipro begann als absolute Routine. Ein reibungsloser Linienflug von Frankfurt nach Warschau, die übliche Abwicklung am Flughafen, Business-Reisende, Urlauber. Doch je weiter man sich im Anschluss mit der Bahn nach Osten bewegt, desto mehr verändert sich die Kulisse. Die polnische Regionalbahn bringt einen schließlich nach Przemysl – dem letzten Bahnhof vor der ukrainischen Grenze. Und hier ändert sich alles.

Grenze in Przemysl

Der Grenzübertritt in Przemysl ist das, was man einen „harten“ Übergang nennt. Es ist kein einfaches Vorzeigen des Reisepasses im Vorbeigehen. Man betritt eine Zone, die von meterhohen Zäunen, Absperrgitter-Korridoren und Metalldetektoren geprägt ist. Die Kontrollen durch die Grenzschützer sind akribisch, streng und von einer spürbaren, ernsten Grundnervosität begleitet. Die Wartezeiten ziehen sich quälend über Stunden in die Länge. Jeder Koffer wird durchleuchtet, jedes Dokument doppelt geprüft. Hier wird jedem Reisenden endgültig klar, dass hinter dieser Linie ein Land im Kriegszustand liegt.

Ukrainsiche Bahn

Auf den Gleisen der ukrainischen Breitspur wartet dann das Transportmittel für die Weiterreise. Die Waggons der staatlichen Eisenbahngesellschaft Ukrzaliznytsia sind ein Relikt aus einer anderen Epoche. Sie sind alt, schwerfällig und bieten so gut wie keinen modernen Komfort. Es riecht intensiv nach Linoleum, jahrzehntealtem Staub und dem typischen Rauch der Kohleöfen, mit denen die Wagen beheizt werden. Mein Schlafabteil ist extrem eng, die Pritschen hart und spartanisch. Besonders gewöhnungsbedürftig: Für den gesamten Waggon, in dem Dutzende Passagiere untergebracht sind, gibt es nur eine einzige, winzige Toilette am Ende des Ganges, vor der sich regelmäßig Schlangen bilden.

Sobald die Dämmerung einsetzt, wird der Zug in ein rollendes Phantom verwandelt. Es gilt die strikte Anweisung zur totalen Verdunkelung. Alle schweren Vorhänge müssen komplett zugezogen werden. Im Inneren der Waggons wird jedes Licht gelöscht, selbst das Display des Smartphones sollte man nicht unnötig aufleuchten lassen. Der Zug darf in der Dunkelheit absolut kein visuelles Ziel für russische Aufklärungs- und Angriffsdrohnen abgeben.

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Abgeschossene Drohne

Das ist keine übertriebene Vorsichtsmaßnahme, sondern pure Notwendigkeit. In den vergangenen Monaten hat das russische Militär seine Taktik verschärft und nimmt das ukrainische Schienennetz immer gezielter ins Visier. Bahnhöfe, Depots und eben auch fahrende Züge werden systematisch attackiert, da sie die logistische Lebensader des Landes bilden. Die Verluste sind immens. Seit Beginn des verschärften Drohnen- und Raketenkriegs wurden Hunderte Lokomotiven und Waggons beschädigt oder zerstört, und Dutzende Eisenbahner haben im Dienst ihr Leben verloren. Jede Fahrt in den Osten ist ein kalkuliertes Risiko.

Die eigentliche Belastungsprobe begann auf dem langen Teilstück in Richtung Dnipro. Der reguläre Fahrplan verlor schnell jede Bedeutung. Mitten in der Nacht gab es plötzlich einen harten Ruck, die Bremsen quietschten, und der Zug kam auf offener Strecke zum Stehen. Das Signal zur Evakuierung. Drohnenalarm.

In solchen Momenten müssen alle Passagiere den Zug sofort verlassen und im Gelände Deckung suchen, da ein stehender Zug ein leichtes Ziel bietet. So standen wir mitten in der finsteren, ukrainischen Steppe im Nirgendwo. Auf der einen Seite die dunkle Silhouette unseres Zuges, auf der anderen Seite – nur wenige hundert Meter entfernt in den Feldern – Stellungen der ukrainischen Luftabwehr und Artillerie.

Es folgte ein surreales Schauspiel. Wir standen im Dunkeln und beobachteten stumm den Nachthimmel. Das monotone, rasenmäherartige Summen der herannahenden russischen Shahed-Drohnen war deutlich zu hören. Kurz darauf erhellten die Blitze der ukrainischen Flugabwehr die Nacht. Mit Leuchtspurmunition und gezieltem Flak-Feuer wurde der Horizont zerschnitten, bis die Drohnen schließlich unter dumpfen Explosionen als brennende Wrackteile vom Himmel stürzten. Erst nach Stunden des Wartens und Hoffens kam das Signal zur Entwarnung, und wir konnten wieder in die kalten Waggons einsteigen.

Dieses Prozedere wiederholte sich in dieser Nacht mehrfach. Durch die ständigen Stopps und Sicherheitsauflagen summierte sich die Verspätung am Ende auf geschlagene sieben Stunden. Mein Fehler war, dass ich für eine so massive Verzögerung nicht genügend Verpflegung eingepackt hatte. Eine Bordküche oder einen Speisewagen gibt es in diesen Zügen nicht; der Schaffner kann standardmäßig lediglich heißen Tee und Kaffee aus dem Samowar anbieten. Als der Hunger bei den Passagieren nach den langen Stunden in der Kälte immer größer wurde, zeigte sich die bemerkenswerte Organisation der ukrainischen Eisenbahn: Die Zugbesatzung verteilte schließlich kostenlos belegte Brote an alle, um die Wartezeit erträglicher zu machen.

Hotel in der Nähe des Rathauses

Als der Zug schließlich am späten Abend im Bahnhof von Dnipro einrollte, war ich einfach nur noch hundemüde. Es war keine Angst oder mentale Erschöpfung, sondern schlicht die pure körperliche Platt heit nach einer fast 30-stündigen Reisekette unter diesen Bedingungen. Ich wollte nur noch ein festes Bett sehen. Ich checkte in meinem Hotel ein, das sich in unmittelbarer Nähe des Rathauses befindet, legte mich hin und schlief sofort tief und fest ein.

Wie schwer die Müdigkeit wog, merkte ich erst am nächsten Morgen. Dass die Stadt genau in dieser Nacht massiv mit ballistischen Raketen angegriffen worden war, hatte ich schlichtweg komplett verschlafen. Weder das anschwellende Sirenengeheul noch die dumpfen Detonationen der Einschläge hatten mich wecken können. Erst beim Blick aus dem Fenster und beim Lesen der Nachrichten wurde mir das Ausmaß klar. Das Rathaus im Zentrum ist ein permanentes Primärziel der russischen Angriffe. Die Raketen schlagen regelmäßig in den umliegenden Wohnblocks und Straßen ein – offensichtlich, weil die Angreifer versuchen, das Verwaltungsgebäude zu treffen, und dabei die Umgebung verwüsten.

Wer hier ankommt, begreift sofort, unter welchem permanenten Druck die Menschen stehen. Und man zieht den Hut vor den Eisenbahnern, die diesen Betrieb trotz des täglichen Terrors aufrechterhalten.


Freiwliigenorganisation, die Truppen versorgt. Der Verfasser erhielt hier eine Auszeichnung von Vitaly Klitschko.

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